Warum Ethik immer

wichtiger wird.

 


Interview mit Fr. Prof. Dr. Petra Grimm

Professorin für Medienforschung und Kommunikationswissenschaft an der Hochschule der Medien

Warum wird Ethik immer wichtiger?

 

Petra Grimm: Ein wesentlicher Grund ist, dass sich durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz unser Leben fundamental und unumkehrbar verändert. Das betrifft vor allem das Verhältnis von Mensch und Maschine: Lernende Maschinen können auf der Basis von großen Datensätzen (Big Data) zunehmend autonome Entscheidungen treffen, zum Beispiel beim automatisierten vernetzten Fahren, bei Personalentscheidungen oder Finanztransaktionen. Ebenso stellen sie Prognosen an, zum Beispiel, ob wir einen Herzinfarkt erleiden oder unseren Kredit bezahlen werden. Damit stellt sich eine Vielzahl ethischer Fragen, die unsere Selbstbestimmung, unsere Verantwortung und die Kontrolle der Maschinen betreffen.

 

 

 

Womit beschäftigt sich Ethik im Rahmen der Digitalisierung?

 

Stellen Sie sich folgendes Bild vor: Sie müssen in einem Ihnen unbekannten Küstengebiet nachts navigieren. Um ihr Ziel ohne Schiffbruch zu erreichen, brauchen Sie ein Navigationsinstrument, z.B. die Sterne und einen Kompass. Genauso verhält es sich mit dem digitalen Wandel unserer Gesellschaft. Wir brauchen eine Digitale Ethik, die uns als Steuerungsinstrument und Kompass hilft, um den digitalen Wandel wertebasiert zu gestalten. Ein Ansatz, mit dem ich mich gerade intensiv beschäftige, ist „Narrative Ethics by Design“. Ethics by Design bezeichnet ein Forschungsfeld, in dem es darum geht, ethische Prozesse bei der Konstruktion, Entwicklung und Gestaltung von Technologien zu implementieren und deren mögliche Konsequenzen zu antizipieren. Beispielsweise könnte eine smarte Spielpuppe mit einem Ethics by Design-Ansatz so konfiguriert werden, dass die Gespräche mit dem Kind privat bleiben; das heißt, nicht von Fremden abgehört werden können und nicht an die Hersteller weitergegeben werden. Im Wesentlichen handelt es sich um den Ansatz einer angewandten Ethik, der eine werteorientierte Technologie zum Ziel hat. Mithilfe von Geschichten, die sich Menschen erzählen und die auch als Zukunftsstorys entwickelt werden, lässt sich der Prozess des Ethics by Design effektiv umsetzen. Wie beim Internet der Dinge geht es bei vielen digitalen Anwendungen um die Frage, ob wir (noch) Vertrauen in die Technologie haben. Studien zeigen, dass die Verbraucher von den Unternehmen zunehmend erwarten, dass sie Technologien verantwortungsbewusst und ethisch gestalten und einsetzen.

 

 

 

Warum könnte Ethik künftig eine größere Rolle in der Markenführung in Europa spielen?

 

Innovative wertebasierte Geschäftsmodelle, die sich nicht an China oder dem Silicon Valley orientieren, könnten eine europäische Alternative sein. Das klingt jetzt für einige sicherlich utopisch. Aber „KI Made in Europe“ kann im Sinn eines nachhaltigen digitalen Wirtschaftens Vertrauen in technologische Anwendungen erzeugen. Vertrauensvolle Produkte können ein Qualitätsmaßstab sein, der einen Wettbewerbsvorteil bietet. Wie vor 40 Jahren, als das Umweltbewusstsein Fahrt aufnahm, stehen wir heute auch wieder an einem Wendepunkt: Wir müssen uns entscheiden, ob wir mehr datenökologische Verantwortung übernehmen oder das digitale Ökosystem kannibalisieren wollen.

Menschen bringen Marken relativ viel Vertrauen entgegen, mehr als Politikern und Journalisten. Allerdings kann Vertrauen auch schnell verloren gehen. Ich denke, dass in Zukunft von einer Marke sehr viel häufiger eine bestimmte „Haltung“ erwartet wird. Allerdings muss dann das Narrativ der Marke glaubwürdig und authentisch sein und im gesamten Engagement der Marke zum Ausdruck kommen. Eine Feigenblatt-Ethik oder ein „Ethical Washing“ sind hier kontraproduktiv.

 

 

 

Welches sind die drei wichtigsten Fragen aus ethischer Sicht, die sich im Zusammenhang mit KI in der Markenführung stellen? Welchen Benefit ist von der Beantwortung dieser Frage zu erwarten?

 

Die drei wichtigsten Fragen sind:

1. Kann ich die KI noch kontrollieren? Werte: Selbstbestimmung und Usability

2. Respektiert die KI meine Privatsphäre? Wert: Privatheit

3. Ist die KI überprüfbar und sicher? Werte: Datentransparenz und Sicherheit

Wenn diese Fragen bei der Markenführung beantwortet werden, ist das vertrauensbildend. Und Vertrauen ist ein hohes Gut.

Mehr zur Person

Prof. Dr. Petra Grimm

Prof. Dr. Petra Grimm ist seit 1998 Professorin für Medienforschung und Kommunikationswissenschaft an der Hochschule der Medien Stuttgart. Sie ist Leiterin des Instituts für Digitale Ethik und Ethikbeauftragte der Hochschule der Medien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind «Digitalisierung der Gesellschaft», «Ethics and Privacy by Design», «Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen» sowie «Medien und Gewalt». Ihr Lehrgebiet ist Medienethik und Narrative Medienforschung in Master- und Bachelor-Studiengängen. Sie ist Preisträgerin des Landeslehrpreises Baden-Württemberg und Mit-Herausgeberin der Schriftenreihe Medienethik. Aktuell forscht sie zu «Ethics by Design in autonomen Fahrzeugen», «Präventiver Digitaler Sicherheitskommunikation und Zivilcourage», Sicherheitsethik und «Learning Analytics».

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